Räume öffnen, Dialoge ermöglichen

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser,

„Alles muss neu gedacht werden“, „So viel Zukunft war nie“, „Wir müssen handeln. Und zwar schnell“. Die aktuelle Transformations-Literatur geizt nicht mit Superlativen des ‚Handeln Müssens‘. Und das mit einigem Recht. Bis 2045 sollen in Deutschland alle Bereiche der Wirtschaft, der Staat und die Lebensweise der Menschen klimaneutral sein. Eine enorme Herausforderung für unsere Gesellschaft und jeden einzelnen Menschen. Bei so viel Zukunft wächst im Schatten der Megakrisen und ihrer Bearbeitung die Unsicherheit. Der Umgang mit Unsicherheit ist das weitere große Thema unserer Zeit – sowohl im Alltag als auch in der Politik.

Weil wir der Ungewissheit nicht entkommen können, ist es vielleicht eine gute Idee, sie als ‚Normalität‘ anzuerkennen, eine ‚Kultur der Unsicherheit‘ zu etablieren. Das heißt, der Versuchung zu widerstehen, einfach nur Unsicherheit oberflächlich zu reduzieren, sondern den Raum für Fragen zu nutzen: Wie wird es anders? Was können und wollen wir uns vorstellen? Was müssen wir wissen, um eine Megadoppelkrise wie die Klimakatastrophe und die Pandemie verstehen und bewältigen zu können? Aus dieser Fragehaltung entstehen neue Vorstellungen davon, wohin wir uns entwickeln können und welche Zukunft wir realisieren wollen.

Ulrich Beck hat bereits 1986 den Umgang mit Unsicherheit biografisch und politisch zu einer zivilisatorischen Schlüsselqualifikation erklärt und die Ausbildung der damit verbundenen Fähigkeiten zu einem wesentlichen Auftrag der pädagogischen Institutionen. Aus heutiger Sicht tun wie gut daran, die ‚Un-Normalität‘ der Prä-Covid-Zeit aufzuklären, das alte ‚Normal‘ zu entmystifizieren und Unsicherheit als Signum unserer Zeit anzuerkennen. Wenn wir das akzeptieren, eröffnet sich uns ein Möglichkeitsraum für neues Denken und Handeln – ‚out oft the box‘, also außerhalb der Antwortroutinen auf völlig neue Fragen. Das Ev. Bildungszentrum gibt diesem Möglichkeitsraum Zeit und ist Ort für einen vielstimmigen Diskurs zu der Frage ‚Wie können und wollen wir in Zukunft leben?‘

Neben Verstehen, Erkennen und Entwerfen steht das persönliche Bewältigen von Belastungen in der Corona-Krise im Fokus. Wir haben daher aus unserem Programm ein Set von Resilienz fördernden Veranstaltungen zusammengestellt, die zeigen und anregen, wie eine dynamische Bewältigung von Krisen gelingen kann (S. 61).

Und noch zwei Hausmitteilungen: Wir begrüßen Prof. Bruno della Chiesa (Harvard University) als wissenschaftlichen Berater des Ev. Bildungszentrums (S. 7) und weisen mit Freude auf unser Doppeljubiläum im September hin: vor 40 Jahren wurde das Ev. Bildungszentrum Bad Bederkesa und vor zehn Jahren das Kompetenzzentrum gegründet. Ein Anlass, dankbar zurück und zuversichtlich nach vorn zu schauen.

Sehr herzlich laden wir Sie zur Teilnahme an unseren Seminaren, Kursen und Tagungen ein und begrüßen Sie gern in unserem Ev. Bildungszentrum, dem Kompetenzzentrum für Lehrer*innenfortbildung und im Kloster Neuenwalde.

Dr. Jörg Matzen
Leiter des Ev. Bildungszentrums
Bad Bederkesa